Soll am Jochberg ein Speichersee mit Pumpspeicherkraftwerk gebaut werden?

Pläne für einen Speichersee und ein Pumpspeicherkraftwerk am Jochberg

Seit Anfang Februar sind Pläne für einen Speichersee und ein Pumpspeicherkraftwerk am Jochberg, oberhalb vom Walchensee, öffentlich bekannt. Der BR und die Regionalzeitungen haben darüber berichtet, allerdings sind noch nicht alle Details der Planungen bekannt. Die Energieallianz Bayern, ein Zusammenschluss von über 30 kommunalen und regionalen Versorgern aus Bayern, plant die Bauten als Teil der Energiewende. Wenn der Speichersee gebaut wird, müsste allerdings die Jocheralm zusammen mit der sie umgebenden Almlandschaft weichen. Die Jocheralm liegt ein Stück unterhalb des Jochberg-Gipfels.

Das Gebiet der Jocheralm über dem Walchensee – bald ein Staubecken?

Das Gebiet der Jocheralm über dem Walchensee – bald ein Staubecken?

Die Jocheralm (oder Jochbergalm) ist ein beliebtes Wanderziel, schließlich zählt der Jochberg zu den Münchner Hausbergen. Auch ich bin schon vom Kesselberg, zwischen Kochelsee und Walchensee, auf den Jochberg gewandert. Von dort hat man einen direkten Blick auf den Kochelsee und die Jocheralm. Diese ist dann auch das Ziel vieler Wanderer, bevor die Wanderung weiter zum Ufer des Walchensee führt. Soll man dieses schöne und beliebte Wandergebiet aufgeben für einen Kraftwerksbau?

Aber das war doch noch was? Genau: Die Energiewende. Nicht erst seit Fukushima will die Mehrheit von uns auf Atomkraft verzichten. Zur Erinnerung ein paar Schlagworte: Tschernobyl, Gorleben, Sellafield, Asse, Cattenom, Temelin, Three Mile Island, Castor-Transporte, Endlagersuche.

Und nicht weit von München liegt, fast in der Einflugschneise zum Flughafen im Erdinger Moos, das Atomkraftwerk Ohu bei Landshut. Wer das alles loswerden will, bis auf die Endlagersuche, um die wir nicht mehr herumkommen werden, muss nach Alternativen suchen. Die sollten möglichst regenerativ sein, denn zu Kohlekraftwerken wollen wir dann auch nicht zurück.

Ein beliebtes Wandergebiet: Jochberg und Jochbergalm

Ein beliebtes Wandergebiet: Jochberg und Jochbergalm

Zwei wichtige regenerative Energiequellen zur Ökostrom-Erzeugung sind Solarenergie und Windkraft. Bei uns im Süden sind es vornehmlich die Solaranlagen auf den Dächern und den Feldern (ist das sinnvoll?), im Norden stehen die Windenergieanlagen vor der Küste, an der Küste und bis weit in die norddeutsche Tiefebene hinein.

Da Sonnenschein und Wind aber wenig Rücksicht auf die Zeiten unseres Energieverbrauchs nehmen, bleibt die Frage, wie man überschüssige Energie speichert, um sie dann einzusetzen, wenn sie wirklich benötigt wird.

Die Jocheralm unterhalb des Jochberggipfels

Die Jocheralm unterhalb des Jochberggipfels

Ein Pumpspeicherkraftwerk ist eine solche Speichermöglichkeit. Steht mehr Strom zur Verfügung, als gebraucht wird, wird Wasser von unten in den oberen Speichersee gepumpt. Wenn man zusätzliche Energie benötigt, fällt das Wasser über Rohre in die Tiefe und treibt Turbinen an, die dann wieder Strom erzeugen. Ein ähnliches Prinzip wie beim Walchenseekraftwerk. Nur, dass dort seit über 100 Jahren das natürliche Gefälle zwischen Walchensee und Kochelsee zur Stromerzeugung ausgenutzt wird.

Am Walchensee

Am Walchensee

Für das Pumpspeicherwerk an der Jocheralm müsste aber eine riesige Betonwanne mit einer Staumauer gebaut werden. Das Gebiet der jetzigen Jocheralm würde geflutet werden.

Die Dimensionen, soweit sie aktuell bekannt sind: Der Speichersee an der Jocheralm hätte eine Fläche von bis zu 22 Hektar (0,22 km²) und zwei bis drei Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen. Dazu müsste ein Betondamm mit bis zu 25 Metern Höhe gebaut werden.

Zum Vergleich: Der Sylvensteinspeicher, der in den fünfziger Jahren gebaut wurde, hat eine 44 Meter hohe Staumauer, 123 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen, bis zu 6,6 km² Fläche.

Der neue Speichersee an der Garlandalm am Brauneck, der zur Pisten-Beschneiung, nicht zur Energiegewinnung dient, hat ein Fassungsvermögen von 100.000 Kubikmetern und knapp 14.000 (0,014 km²) Quadratmeter Fläche, bei 20 Metern Dammhöhe.

Ein Speichersee an der Jocheralm wäre also deutlich kleiner als der Sylvensteinspeicher, aber deutlich größer als der Garlandspeichersee am Brauneck. Eine massive Veränderung der Berg- und Almlandschaft am Jochberg wäre es auf alle Fälle, auch wenn die Jocheralm an anderer Stelle wieder aufgebaut würde.

Der Alpenverein und andere Naturverbände wie der BUND und die Alpenschutzkommission CIPRA stehen dem Projekt sehr kritisch gegenüber.

Soll man nun das Natur- und Erholungsgebiet am Jochberg dauerhaft weitgehend unverändert erhalten? Oder müssen wir, um weiter von der Atomkraft auf regenerative Energien umstellen zu können, auch schwerwiegende Eingriffe in Teile des Alpenraums hinnehmen? Ist es eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand? Oder ist alles gar nicht so wild und der Speichersee wird nach einigen Jahren wie ein natürlicher Bestandteil der Landschaft erscheinen?

Auf dem Abstiegsweg vom Jochberg zur Jochbergalm

Auf dem Abstiegsweg vom Jochberg zur Jochbergalm

Ich bin kein Fachmann für Energiefragen, ich muss mir also aus den verschiedenen Informationen in der nächsten Zeit meinen Standpunkt bilden. Bisher habe mir noch keine endgültige Meinung bilden können.

Wie geht es Euch, Herz oder Verstand? Oder gibt es sogar bessere Alternativen, die das Ziel der Energiewende mit weniger Landschaftsverbrauch erreichen können?

Update vom 6.9.2014: Der Bayerische Rundfunk hat auf seiner Website br.de/nachrichten bekannt gegeben, dass die Bayerische Staatsregierung die Pläne für ein Pumpspeicher-Kraftwerk am Jochberg aufgibt. Der Artikel ist mittlerweile nicht mehr verfügbar.

Höhenangaben:
Kochelsee: 599 Meter
Walchensee: 802 Meter
Kesselberghöhe: 850 Meter
Gipfel Jochberg: 1565 Meter
Jocheralm: 1380 Meter

Links:
Homepage der Energieallianz Bayern
Stellungnahme des Alpenvereins zum geplanten Speichersee am Jochberg
Stellungnahme der Alpenschutzkommission CIPRA
Informationen zum Sylvensteinspeicher

Google Maps Karte:

Ein Speichersee am Jochberg? auf einer größeren Karte anzeigen

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. It is not a question of heart or mind. The right question is: „shall we continue to destroy all our natural places?“. I’m sure there is a good alternative. But some people should stop thinking only about money.

  2. Sehr geehrter Herr Strelzing, zufällig stieß ich auf Ihren Bericht und muß Ihnen leider sagen, daß Sie hier kritik- und ahnungslos die übliche Energiewendenpropaganda verbreiten. Wissen Sie eigentlich, wie viele Pumpspeicherkraftwerke benötigt werden zur Abpufferung einer Flautenzeit von 10 Tagen? – Das 313-fache der heute installierten Leistung! Das ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch absolut unrealitstisch. Hier wird sinnlos ein Projekt vorangetrieben, das ohne Zukunft ist. Neue Umweltprobleme entstehen, welche die alten nicht ersetzen werden. Zur Speicherproblematik vgl. hier (Link entfernt wegen Leistungsschutzrecht – Uli) Nichts für ungut. Mit freundlichen Grüßen, Stefan Volk

  3. Schönen Gute Tag Herr Volk,

    vielen Dank für Ihren Kommentar, ich bitte jedoch darum, die üblichen Formen der Höflichkeit einzuhalten. Ich habe mich in meinem Artikel weder explizit für noch gegen den geplanten Bau eingesetzt, sonder versucht, beide Seiten darzustellen.

    Viele Grüße,
    Uli

  4. Sehr geehrter Herr Strelzing, meine Unhöflichkeit bitte ich zu entschuldigen. Ich kann auch durchaus Ihr Bemühen um Ausgewogenheit erkennen. Doch Ihr Artikel stellt auf der anderen Seite überhaupt nicht den Sinn der Energiewende im allgemeinen (das ungelöste Speicherproblem) und der von Pumpspeicherkraftwerken und ihrer Wirtschaftlichkeit insbesondere in Frage. Ja, Sie unterstellen dem ganzen Projekt eine Rationalität, die es gar nicht hat, und machen aus der Sache eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand. Das hat mich gestört. Dabei ist es genau umgekehrt: Es ist das Herz grüner Ideologen (in allen Parteien und Ämtern), die solche Großtechnologien blind vorantreiben, während der nüchterne Verstand allein schon aus ökonomischen (und nicht nur aus sentimentalen) Gründen nein sagen muß. Wie äußerte sich der Vattenfallchef Tuomo Hatakka am 15.9.2012 (Frankfurter Rundschau) zu Pumpspeicherkraftwerken? „Die Wirtschaftlichkeit hat sich leider dramatisch negativ entwickelt. Es ist eine paradoxe Situation entstanden: Wir brauchen Speicher, um die Fluktuationen der erneuerbaren Energien ausgleichen zu können. Aber das heißt noch lange nicht, dass sich der Betrieb lohnt. […] Ich sehe derzeit nicht, wie wir vor dem Hintergrund dieser Entwicklung längerfristig die Wirtschaftlichkeit aus eigener Kraft wieder herstellen können. […] Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob und wie wir alle unsere Pumpspeicher weiter betreiben können.“ Droht da am Ende eine Investitionsruine auf der Jocheralm? Für mich ist das sinnlose Naturzerstörung. Mit freundlichen Grüßen, Stefan Volk

  5. Nachtrag: Letzten Samstag stand ein ganzseitiger Artikel über das „Speicherproblem“ und die Wirtschaftlichkeit von Pumpspeicherkraftwerken in der FAZ, der das ausführt, was ich auch schon gesagt habe. Man beachte ferner die Leserkommentare, offensichtlich wachen die Bürger langsam auf. Vgl. hier (Link entfernt wegen Leistungsschutzrecht – Uli)

  6. Mit diesem Spielzeug-Speicherbecken kann man etwas Solarstrom im die Abendstunden verschieben, was übrigens mit dem Desertec-Projekt ebenfalls gewährleistet wäre. Für die Vergleichmaessigung von Windstrom, der auch mal ein paar Tage fehlt, reicht es schon nicht. Auch nicht zur Überbrückung von einem Tag Flaute bei Nebel mit der installierten Leistung. Weil wir nur 1/2 Jahr einigermaßen Sonne haben, wird also keine Gesamtloesung erreicht. Die Energieversorger sollten sich lieber nach einem größeren Tal im Umkreis den Walchensees umsehen, womit dann auch wirklich etwas erreicht wird. Das Oberbecken könnte ggf. in Tirol liegen. Das Wasser wird ohnehin schon heute vom Rissbach her zum Walchensee umgeleitet. Mit klein klein erreicht man nur viel Ärger, aber keine nachhaltigen Lösungen. Ihre Kritik ist daher voll berechtigt.
    Zu technischen Daten siehe auch (Link entfernt wegen Leistungsschutzrecht – Uli)

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