Rettet den Alpenplan

45 Jahre Bayerischer Alpenplan

Mit dem Aufkommen des Tourismus in den bayerischen Alpen, der sowohl Wandern und Bergsteigen als auch die klassische “Sommerfrische” beinhaltete, aber vor allem auch den winterlichen Skisport, begann eine massive Veränderung der Region. Viele Bauerndörfer wandelten sich zunehmend zu Touristenorten. Neben Hotelbauten und Alpenstraßen wurden die Skilifte und Seilbahnanlagen, aber auch die an den Hängen verlaufenden Skipisten die sichtbaren Zeichen des Bergbooms.

Winterliches Bergerlebnis Allgäuer Alpen. Hier auf dem Wertacher Hörnle

Winterliches Bergerlebnis Allgäuer Alpen. Hier auf dem Wertacher Hörnle

Um den grassierenden Wettlauf der Alpenorte, ihre Berge durch Seilbahnen zu erschließen, in geordnete Bahnen zu lenken, trat 1972 der Bayerische Alpenplan in Kraft. Neben touristisch und wirtschaftlich genutzten Zonen sollte er auch geschützte Ruhezonen ermöglichen, die dauerhaft frei von Eingriffen bleiben.

Dazu wurde der gesamte bayerische Alpenraum in drei Zonen eingeteilt. In Zone C, die etwa 42% Prozent des bayerischen Alpenraumes umfasst, sind Erschließungsbauten unzulässig.

Das gemeinsame Video der Aktion #BloggerProAlpenplan

Ausschlaggebend für die Einführung des Alpenplans war übrigens unter anderem der Plan, den Watzmann von St. Bartholomä aus über die Watzmann-Ostwand bis zum Gipfel mit einer Seilbahn zu erschließen. Diese Pläne erscheinen aus heutiger Sicht völlig irrwitzig. Wer, der jemals in diesem Gebiet war, mag sich das heutzutage vorstellen? Mittlerweile sind der Königssee und das Watzmann-Gebiet Bestandteil des 1978 gegründeten Nationalparks Berchtesgaden.

Hüttenerlebnis im Steinernen Meer, Nationalpark Berchtesgaden

Hüttenerlebnis im Steinernen Meer, Nationalpark Berchtesgaden

Seit 45 Jahren schützt der Alpenplan nun große Gebiete des bayerischen Alpenraums vor dem Zugriff wirtschaftlicher Interessen, was nicht heißt, dass überhaupt keine Entwicklung und keine Bautätigkeit im Alpenraum möglich wäre.

Neubauten in den bayerischen Alpen

In den letzten Jahren haben immer wieder Neubauten auf den Bergen oder Modernisierungen und Erweiterungen von Skigebieten für Diskussionen und teilweise spektakuläre Protestaktionen gesorgt. Eine, sicherlich unvollständige, Liste von Bauvorhaben in den bayerischen Alpen in den letzten Jahren:

  • Bau der Alpspix-Aussichtsplattform am Osterfelderkopf
  • Bau der neuen Eibseeseilbahn an der Zugspitze
  • Bau der neuen Höllentalangerhütte
  • Neubau vo Liftanalagen, Restauration und einer Aussichtsplattform im Gipfelbereich des Nebelhorns
  • Neubau von Liftanlagen und eines Speicherbeckens am Brauneck
  • Ausbau des Skigebiets am Sudelfeld mit Neubau von Liftanlagen, Beschneiungsanlagen und einem Speichersee
  • Bau der neuen Jenner-Seilbahn in Berchtesgaden

Viele dieser Bauvorhaben waren und sind umstritten, wurden aber mittlerweile umgesetzt. Manche trotz vieler Proteste oder spektakulärer Aktionen wie den Protesten von Mountain Wilderness im Sudelfeldgebiet oder der Übernachtung von Stefan Glowacs im Portaledge unter dem Alpspix hängend.

Schu nur, eine Gelbbauchraupe. Die soll jetzt wieder überall in den Alpen heimisch werden (hier am Brauneck)

Schu nur, eine Gelbbauchraupe. Die soll jetzt wieder überall in den Alpen heimisch werden (hier am Brauneck)

Ob man das einzelne der genannten Vorhaben jeweils befürwortet oder ablehnt, allen ist eins gemeinsam: Sie stehen grundsätzlich im Einklang mit dem Alpenplan.

Das Riedberger Horn

Das trifft auf die geplante Skischaukel zur Verbindung der Skigebiete Grasgehren und Balderschwang am Riedberger Horn im Allgäu nicht zu. Eine neue Piste und Lifte sollen durch die strengste Schutzzone C des Alpenplans führen. Das ist rechtlich nicht möglich, derartige Bauten sind in der Schutzzone C verboten. Daher soll ein in der 45jährigen Geschichte des Alpenplans noch nie dagewesener Eingriff vorgenommen werden:

Das Riedberger Horn soll aus der Schutzzone C genommen werden. Damit wären die geplanten Bauten möglich. Als Ausgleich ist geplant, den Schutzstatus anderer Flächen aufzuwerten. Diese Flächen sind zwar größer als die Fläche, die entnommen werden soll, sie sind aber bereits heute Schutzgebiet.

Die Befürworter argumentieren damit, dass das Skigebiet eines der wenigen auch in den nächsten Jahren schneesicheren Gebiete in den bayerischen Alpen ist. Durch die Skischaukel sollen die Skigebiete zusammengefasst, modernisiert und erweitert werden, um mit den Konkurrenten im nahen Österreich mithalten zu können.

Auch ein Bergerlebnis der besonderen Art. Bald auch am Riedberger Horn?

Auch ein Bergerlebnis der besonderen Art. Bald auch am Riedberger Horn?

Tatsächlich ist das Skigebiet Grasgehren nach einem Gutachten, das der Deutsche Alpenverein im Jahr 2013 in Auftrag gegeben hat, im Vergleich mit anderen bayerischen Skigebieten als relativ schneesicher anzusehen. Je nachdem, wie stark sich die Temperaturen im Zuge des Klimawandels erhöhen und somit die Schneesicherheit abnimmt, gilt das Gebiet als schneesicher bzw. bedingt schneesicher durch künstliche Beschneiung. Für das Skigebiet Balderschwang zeigt die Studie für viele Szenarien schlechtere Werte.

Am 16.9.2016 haben die etwas mehr als 1000 Wahlberechtigten in den Gemeiden Balderschwang und Obermaiselstein in einem umstrittenen Bürgerentscheid mit 85% bzw. 68,3% für den Bau der Skischaukel gestimmt. Im Allgäu gibt es jedoch auch eine starke Gegenbewegung gegen den Ausbau des Skigebietes. In einer repräsentativen Umfrage haben sich 91% der Befragten Bayern für den Erhalt des bayerischen Alpenplans ohne Ausnahmen für weitere Skigebiete ausgesprochen.

Dann doch lieber so. Wintererlebnis am Schönkahler, auch in den Allgäuer Alpen

Dann doch lieber so. Wintererlebnis am Schönkahler, auch in den Allgäuer Alpen

Am 9.11.2017 hat der Bayerische Landtag mit der Mehrheit der Stimmen der CSU für die Änderung des Landesentwicklungsprogramms (LEP) gestimmt, dass die Änderung des Alpenplans ermöglicht. Mehrere Umweltverbände, unter anderem der Deutsche Alpenverein, haben schon vor der Entscheidung angekündigt, gegen die Änderung zu klagen.

Die Zukunft

Der besonders sensible Alpenraum muss, gerade im Hinblick auf den Klimawandel, besonders vor übermässigen Eingriffen geschützt werden. Dafür steht der Alpenplan seit 45 Jahren.

Im langjährigen Vergleich über mehrere Jahrzehnte zeigt sich jetzt schon, dass die Schneeperioden immer kürzer werden und die Schneehöhe stetig abnimmt. Nur durch immer größere Investitionen in immer mehr künstliche Beschneiung kann der Wintersportbetrieb in tiefer gelegenen Regionen überhaupt noch aufrecht erhalten werden.

Die erhöhten Investitionen und Betriebskosten schlagen sich in höheren Liftpreisen nieder. Schon heute ist spürbar, dass immer mehr Menschen in Bayern und sogar in Tirol sich Alpinskisport nicht mehr leisten können oder wollen. Die Zahl der Kinder, die nicht mehr skifahren lernen, steigt.

Neubauten lohnen sich nur noch mit massiven Subventionen durch das Seilbahnförderprogramm des Freistaates Bayern. Sehr erhellend ist hier dieser Artikel in der TAZ. Langfristig werden die bayerischen Skigebiete gegen den Klimawandel und die österreichischen Skigebiete mit ihrem natürlichen Vorteil der höheren Lage nicht bestehen können und müssen wohl weitgehend aufgegeben werden.

Ist es da sinnvoll, streng geschütze Flächen in einem einzelnen, sehr niedrig gelegenen Skigebiet für Neuinvestitionen zu opfern und damit einen Präzedenzfall zur Schleifung des Alpenplans zu schaffen, der zudem gegen die internationale Alpenkonvention verstößt, die alle Alpenstaaten unterzeichnet haben?

Mit welchem Argument sollte man dem nächsten “Einzelfall” oder der nächsten “Optimierung der Infrastruktur” begegnen, wenn man einmal Ausnahmen zugelassen hat? An welchen Orten werden Bürgermeister, Hoteliers, Bauunternehmer, Seilbahnbetreiber und -hersteller demnächst Ausnahmen fordern?

Schon heute sind derartige Ausbauten meiner Ansicht nach eine Wette gegen die Zeit. Wird sich die Investition gerechnet haben, bevor der Klimawandel zuschlägt und das Skigebiet aufgegeben werden muss? Eine Wette, deren Einsatz zu nicht unerheblichen Teilen von der Allgemeinheit in Form von Subventionen getragen wird.

Der Verlierer ist in jedem Fall die Natur. Mindestens mittelfristig auch die beteiligten Gemeinden. Selbst wenn sich die Investitionspläne derzeit noch rechnen könnten, die Natur wird auf jahrzehnte zerstört sein. Und wenn das Investitionsvorhaben scheitert, bleiben Dörfer möglicherweise über Jahrzehnte auf Millionenschulden sitzen. Für die Umstellung auf andere Formen des Tourismus ist es dann vermutlich zu spät.

Auch Investoren werden wissen, dass die Zeit der Investitionsrunden, bei denen die Wette noch gewonnen werden kann, sich langsam dem Ende nähert. Meine Sorge ist, dass der Druck umso größer wird, relativ kurzfristig weitere Bauvorhaben zu ermöglichen, bevor sich das Zeitfenster für Alpinskisport-Investitionen in Bayern endgültig schließt.

Derweil sind erste Skigebiete bereits aufgegeben worden. Sehr prominent: Die Betreiber der Taubensteinbahn haben sich gegen Neuinvestitionen im Bereich der dortigen Seilbahn ausgesprochen. Der Taubenstein im Spitzingsee-Gebiet, das durchaus schneereich ist und mit Sudelfeld/Sutten über Alpinskigebeite verfügt, wird mittlerweile von Skitourengehern genutzt.

Die Alternative: Nachhaltiger Tourismus

Seit 2008 gibt es in Österreich Bergsteigerdörfer, seit 2015 auch in Deutschland. Die Philosophie der Bergsteigerdörfer sieht unter anderem den Erhalt der dörflichen Strukturen, der Kultur und der Traditionen vor, nachhaltigen Tourismus ohne technische Erschließungsmaßnahmen, qualitativ hochwertige Beherbergungsbetriebe, aktiven Landschafts- und Naturschutz sowie die Produktion und Vermarktung lokaler und regionaler Erzeugnisse.

Zwanzig Gemeinden in Österreich tragen bereits den Titel Bergsteigerdorf, eine weitere in Südtirol. In Bayern wurde die Gemeinde Ramsau im Berchtesgadener Land im Jahr 2015 erstes Bergsteigerdorf. In diesem Jahr wurden Schleching und Sachrang, die Talgemeinden des “Blumenbergs” Geigelstein im Chiemgau, in den Kreis der Bergsteigerdörfer aufgenommen. Kreuth am Tegernsee soll 2018 als viertes bayerisches Bergsteigerdorf folgen.

Im Wimbachgries, vom Bergsteigerdorf Ramsau aus erreichbar

Im Wimbachgries, vom Bergsteigerdorf Ramsau aus erreichbar

Es ist also offensichtlich eine Erfolgsgeschichte, die da aus Österreich kommt und seit mittlerweile zehn Jahren besteht und wächst. Ich hoffe sehr, dass auch in Bayern weitere Orte zu Bergsteigerdörfern werden. Hier habe ich das Gefühl, dass zum Vorteil aller den Belangen der einheimischen Bevölkerung, als auch der Gäste und der Natur Rechnung getragen wird.

Mein persönliches Fazit

Ich trete für den Erhalt des Alpenplans und der Alpenkonvention ein. Nachhaltiger Tourismus und eine möglichst naturverträgliche Freizeitgestaltung sollten unser aller Ziel sein. Der Alpenplan schafft dafür einen Rahmen, der sich über 45 Jahre bewährt hat.

Auch als Nicht-Skifahrer bin nicht gegen das Skifahren an sich. Solange sie noch wirtschaftlich betrieben werden können, sollen die bestehenden Liftanlagen weiter genutzt werden. Idealerweise auch zu Preisen, die sich eine Familie noch leisten kann. Dafür muss man sich auf seine Nische konzentrieren und nicht versuchen, mit tiroler Mega-Skigebieten zu konkurrieren.

Im gewissen Rahmen verstehe ich auch, dass Anlagen weiterhin erneuert werden. Allerdings nicht unter Inkaufnahme der Zerstörung von Schutzflächen. Staatliche Subventionen sollten nicht mehr den Bau von Liftanlagen fördern. Sie sollten künftig den Orten ermöglichen, alternative Angebote für die Zeit nach dem Ende des Wintersports, wie er die letzten Jahrzehnte betrieben werden konnte, zu entwickeln.

Naturerlebnis am Geigelstein: #DankeAlpenplan

Naturerlebnis am Geigelstein: #DankeAlpenplan

Die Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein haben sich, sowohl durch ihre Gemeindevertreter, als auch durch die Bevölkerung, für einen anderen Weg ausgesprochen und wollen den geltenden Alpenplan aus wirtschaftlichen Interessen ändern lassen. Damit nehmen sie in Kauf, eine möglicherweise verhängnisvolle Entwicklung für den gesamten bayerischen Alpenraum einzuleiten, bei der Schutzzonen aus Gründen der Profitorientierung je nach Lage geopfert oder beliebig verschoben werden können.

Diese Konzentration auf den Skisport unter Inkaufnahme der Zerstörung bisher geschützter Gebiete muss ich zur Kenntnis nehmen, kann sie aber nicht unterstützen.

Als Wanderer und Schneeschuhgeher fühle ich mich von diesen Gemeinden nicht mehr angesprochen und eingeladen. Daher werde ich die Orte Balderschwang und Obermaiselstein künftig meiden. Meine Freizeit, die ich nur einmal nutzen kann, mein Geld, das ich nur einmal ausgeben kann, möchte ich dort verwenden, wo ich mich mit meiner Art von Bergsport wohlfühle und wo ich mich guten Gewissens aufhalten mag.

Die Aktion der Outdoorblogger

Mehr als 100 Outdoorblogger aus Deutschland und anderen Staaten setzen sich unter dem Hashtag #BloggerProAlpenplan gemeinsam für den Erhalt des Alpenplans ein. Hierfür haben wir ein Video erstellt, das Ihr auch in diesem Artikel sehen könnt. Wir betreiben ganz unterschiedliche Sportarten, viele von uns sind auch Skifahrer oder Skitourengeher.

Viele der im Video genannten Outdoorblogger kenne ich persönlich. Uns allen ist gemein, dass wir den Alpenraum bei unserem Sport, unserer Freizeitgestaltung und im Urlaub nicht nur als Sportplatz und Konsumangebot sehen, sondern als Natur- und Kulturraum, den wir nachhaltig und respektvoll nutzen und bewahren wollen.

Weitere Informationen zur gemeinsamen Aktion #BloggerProAlpenplan findet Ihr bei ulligunde.

Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren alle zusammen den 50. Geburtstag eines unveränderten und weiterhin starken Alpenplans feiern können.

Links:
Informationen zum Alpenplan und zum Riedberger Horn beim Alpenverein unter anderem unter:
https://www.alpenverein.de/Natur/Alpine-Raumordnung/Alpenplan/
https://www.alpenverein.de/natur/alpine-raumordnung/aktuelle-erschliessungen/skierschliessungen-skiverbindung-grasgehren-und-balderschwang-ueber-das-riedberger-horn_aid_16522.html
https://www.davplus.de/riedberger_horn

Informationen zum Alpenplan beim BUND Bund Naturschutz, beim LBV Bayern und bei Cipra

Aktionsbündnis Rettet das Riedberger Horn: www.rettet-das-birkhuhn.de

Bergführer Stefan Neuhauser schreibt auf Powderguide.com zur Situation am Riedberger Horn

Studie “Auswirkungen des Klimawandels auf Skigebiete im bayerischen Alpenraum” des DAV
Der Alpenverein zur Beschneiungsanlage am Sudelfeld

Die Homepages der Bergsteigerdörfer:
http://www.bergsteigerdoerfer.at
http://www.bergsteigerdoerfer.de
Weiterführende Informationen zu Bergsteigerdörfern beim Alpenverein

Hast Du auch diese Artikel schon gelesen?

Schreibe einen Kommentar