Buch: Matthias Ballweg, Bertram Kloss: Die letzte Hütte der Alpen
Selten ist ein Buch zeitlich so passend erschienen. Mitten in der Hitzewelle der zweiten Junihälfte 2026 erscheint „Die letzte Hütte der Alpen“. Ein Buch, dass sich als „eindringliche Bestandsaufnahme eines Lebens- und Sportraums am Wendepunkt“ sieht und gleichzeitig als Wegweiser für das Bergsteigen in der sich rasant ändernden Alpenwelt dienen möchte.
Dieser Sommer hat es, nicht zum ersten Mal, deutlich gezeigt: Der menschengemachte Klimawandel verändert die Alpen und damit auch die Bergsport-Aktivitäten. Und für die Alpenvereine stellt sich die Frage, welche neuen Herausforderungen für die Berghütten entstehen und welche Anpassungen auf den Hütten notwendig sind. Oder müssen bestimmte Hütten sogar aufgegeben werden?
Viele Berghütten stehen weitab der Zivilisation an exponierten Stellen in den Bergen. Sie haben sich schon immer auf die teils extremen Bedingungen an ihren Standorten anpassen müssen. Aber die immer schneller werdenden Veränderungen durch den Klimawandel zwingen Hüttenwirte zu drastischen Maßnahmen.
So müssen Hütten, die bislang zuverlässig ihren Wasserbedarf über Gletscherbäche, hüttennahe Quellen oder das Auffangen von Regenwasser decken konnten, massiv Wasser sparen. Dass das Duschen auf Hütten teuer ist, sind Bergsteiger und Bergwanderer gewöhnt, aber jetzt werden Duschen auf einigen Hütten ganz abgestellt, aus den Wasserhähnen tröpfelt es nur noch.
Trinkwasser kommt auf manchen Hütten nicht mehr aus der nahen Quelle, sondern wird per Hubschrauber hochgeflogen. Was sich in den Preisen niederschlägt. Sogar Baustellenklos wurden schon auf den Berg geflogen und neben Hütten aufgestellt, weil für die Toilette im Haus schlicht kein Spülwasser mehr da ist.
Hüttenwirte passen die Speisekarten an, um den Wasserbedarf für Kochen und Spülen zu senken. Deshalb gibt es etwa auf dem Watzmannhaus keinen Parmesan mehr zu den Spaghetti, weil dessen Reste aufwändiger zu spülen sind. Und einigen Hütten setzt der tauende Permafrost zu und nimmt den Hüttenwirten wortwörtlich den festen Boden unter den Füßen.
Die Autoren
Matthias Ballweg, Leiter der DAV-Sektion Oberland und Bertram Kloss, Berater von internationalen Organisationen zu Klimaschutz und zukunftsfähigen Wirtschaftsmodellen, sind erfahrene Bergsportler in verschiedenen alpinen Disziplinen. Sie erleben die Veränderungen durch den fortschreitenden Klimawandel in der Alpen hautnah.
Und sie haben festgestellt, dass es für einzelne Hütten Informationen über aktuelle Herausforderungen und Probleme sowie Lösungsstrategien hierfür gibt. Ein systematischer Überblick darüber, welche Hütten durch den Kimawandel in welcher Weise bedroht sein können, fehlt aber bislang. So haben sie sich daran gemacht, diesen Überblick herzustellen, woraus das Buch entstanden ist.
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Die Folgen des Klimawandels für Berghütten
Zunächst haben sie fünf große Herausforderungen für Berghütten durch den Klimawandel benannt, die in einem eigenen Kapitel vorgestellt werden. Jedes Kapitel beginnt jeweils mit einem wissenschaftlich einleitenden Teil, auf den ein praktisches Beispiel einer Berghütte folgt. Anhand von Besuchen auf den Hütten und Gesprächen mit den Hüttenwirten zeigen die Autoren die Veränderungen und die jeweiligen Anpassungsstrategien auf.
Zum Problem „Wassermangel und Starkregen“ besuchen sie das Watzmannhaus in den Berchtesgadener Alpen. Die Stüdlhütte am Großglockner dient als Beispiel für Hütten, die der „Permafrost in Auflösung“ bedroht.
Der „Gletscherschwund“ und seine Auswirkungen auf Hütten werden am Taschachhaus in den Pitztaler Alpen untersucht, während die Hamburger Skihütte in Bad Hofgastein vom „Schnee auf dem Rückzug“ betroffen ist.
Zum Abschluss besuchen die Autoren für das Kapitel „Schwinden der Artenvielfalt“ den Kollreider Hof im Osttiroler Drautal, der sich um Biodiversität in der Region verdient macht und diese, wissenschaftlich fundiert, zur Grundlage des Wirtschaftens auf dem Hof macht.
Konsequenzen für den Bergsport
Welche Auswirkungen der Klimawandel für den Bergsport hat, wird an drei Beispielen gezeigt. Wie müssen Skibergsteiger in Zeiten schwindenden und sich verändernden Schnees ihren Sport anpassen? Welche Veränderungen gibt es für Wassersportler, hier Wildwasser-Kajakfahrer, in den Alpen? Und hängt eine Serie von tödlichen Unfällen von Gleitschirmfliegern mit den veränderten Wetterbedingungen infolge des Klimawandels zusammen?
Die Autoren treffen auf Sportler, die diese Sportarten ausüben und ihre Einschätzung zu den künftigen Veränderungen, die auch positiv sein können, abgeben.
Bergsport im 21. Jahrhundert und das Manifest der letzten Hütte
Aus den eigenen Erkenntnissen und den Gesprächen entwickeln Matthias Ballweg und Bertram Kloss ihre Einschätzung, wie sich der Alpinismus in all seinen Formen künftig entwickeln wird. Sie bezeichnen es als „zweite Pionierzeit“, die das Ende einer „garantierten Bequemlichkeit“ durch weniger Berg-Infrastruktur bedeutet. Ihre Überlegungen gipfeln in einem „Manifest der letzten Hütte“, in dem sie fünf Grundsätze für den künftigen Alpinismus im Wandel benennen.
Der Anhang
Im Anhang mit dem etwas sperrigen Namen „Alpine Schutzhütten der Ostalpen und ihre Exposition zu Klimafolgen“ finden wir den Überblick, welche Berghütten in welcher Weise in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten von den Klimafolgen betroffen sein wird.
Etwa 300 Hütten in den Ostalpen umfasst die Liste, die zeigt, ob die jeweilige Hütte von schwindenden Permafrost, Wassermangel, Gletscherschwund, Schneemangel und Verminderung der Biodiversität betroffen ist.
Die aktuelle Version der Hüttendatenbank steht auch auf der Website zum Buch, www.letzte-huette.de unter www.letzte-huette.de/huetten.
Fazit
Das Buch hätte zeitlich passender nicht erscheinen können,. Die Nachrichten über Berghütten ohne Wasser und Extremwetter in den Alpen haben in diesem Sommer nicht nur Alpinistenkreise erreicht, sondern waren auch in Tageszeitungen und allgemeinen Infoportalen zu lesen.
Es bietet einen guten Überblick über die Veränderungen, die auf Bergsportler in den Alpen zukommen. Dazu kommt die umfangreiche Auflistung der Berghütten im Anhang, die die Widerstandsfähigkeit der einzelnen Hütten und ihre Gefährdungen aufzeigt.
Ich hätte mir in den Beispielen für Bergsportler gewünscht, dass neben Skitourengehern, Kajakfahrern und Gleitschirmfliegern auch auf die Veränderungen für die „normalen“ durchschnittlichen und ambitionierten Bergwanderer und Bergsteiger eingegangen wird. Und das Fazit der Autoren erscheint mir etwas zu positiv geraten. Bergsport wird sich verändern und wieder ursprünglicher werden, wie die Autoren schreiben. Aber auf die negativen bergsportlichen, wirtschaftlichen, alpenvereinsinternen und kulturellen Folgen von möglichen Hüttenschließungen wird für meinen Geschmack etwas zu wenig eingegangen.
Aber das sind im Vergleich kleine Kritikpunkte, insgesamt ist „Die letzte Hütte der Alpen“ ein sehr lesenswertes Sachbuch, das ich Euch sehr empfehlen kann. Wer sich für die Veränderungen des Alpinismus durch den Klimawandel interessiert, sollte sich das Buch ansehen.
Die letzte Hütte der Alpen
Matthias Ballweg, Bertram Kloss
192 Seiten
Rother Bergverlag
ISBN: 978-3-7633-3512-1
28,00 €
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