Der Bergsteigerfriedhof in Johnsbach

Das Kulturerbe Bergsteigerfriedhof im Gesäuse

Von Süden nach Norden durchschneidet der Johnsbach das Gesäuse-Gebirge in der Steiermark. Etwa auf halber Höhe des Nationalparks mündert er in die Enns, die das Gebirge in West-Ost-Richtung durchfließt. Ganz im Süden, direkt an der Grenze zum Nationalpark Gesäuse, liegt der kleine Ort Johnsbach, ein Dorf mit kaum 200 Einwohnern. Hier befindet sich einer der bekanntesten Bergsteigerfriedhöfe der Alpen und der größte In Österreich.

Auf dem Bergsteigerfriedhof von Johnsbach in der Steiermark

Auf dem Bergsteigerfriedhof von Johnsbach in der Steiermark

Etwas außerhalb des Ortes, in Richtung Nationalpark, liegt die Kirche von Johnsbach auf einer Anhöhe. Mit Blick auf die Felsberge des Gesäuses. Wie es früher üblich war, befindet sich der Friedhof rund um die Kirche herum. Auf dem Johnsbacher Friedhof sind neben den Toten des Dorfes auch 59 Bergtote begraben, die im Gesäuse umgekommen sind.

Grabsteine auf dem Friedhof in Johnsbach

Grabsteine auf dem Friedhof in Johnsbach

Die Mehrzahl von ihnen ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Bergen des Gesäuses zu Tode gekommen, überwiegend in den zwanziger Jahren. Der erste Bergtote wurde schon 1885 hier begraben. Früher lagen etwa 70 Bergsteiger auf dem Friedhof, manche Gräber wurden aber schon vor Jahrzehnten aus Platzgründen wieder aufgelassen.

Ab den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden die Berge im Gesäuse insbesondere von den jungen österreichischen Kletterern, viele von Ihnen aus Wien, bestiegen. Damals sagte man wohl eher noch, dass man den Berg eroberte, bezwang oder dass man einen Gipfelsieg errungen hatte.

Einige Bergsteiger stürzten bei ihren Besteigungen aber in den Tod. Sie wurden von den einheimischen Bergrettern geborgen und auf dem Johnsbacher Friedhof begraben, da eine Überführung in die Heimatorte teuer auf aufwändig gewesen wäre. Die Bergtoten wurden vorwiegend auf dem rechten Teil des Friedhofs bestattet, während die Einheimischen vorrangig auf dem linken Teil begraben liegen.

Die Friedhofsmauer mit den Gedenktafeln an die Bergtoten

Die Friedhofsmauer mit den Gedenktafeln an die Bergtoten

Seit den fünfziger Jahren wurden immer mehr Bergtote in ihre Heimatorte überführt, die Zahl der hier bestatteten ging zurück. So wie auch die Zahl der Bergtoten insgesamt.

Wir besuchen den Friedhof an einem sonnigen, heißen Julitag. Die nahen Berge, man sieht vom Friedhof direkt zum Großen Ödstein, sehen beeindruckend, schön und majestätisch aus, nicht bedrohlich, abweisend und gefährlich.

Ein geschmiedetes Kreuz für einen abgestürzten Bergsteiger

Ein geschmiedetes Kreuz für einen abgestürzten Bergsteiger

Eigentlich ist es kein Wetter für Gedanken an Absturz und Tod. Aber als wir durch die Gräberreihen gehen und die Inschriften auf den Grabsteinen lesen, stehen dort die Namen der Berge, die wir in den letzten Tagen auf unseren Wanderungen gesehen haben. Beeindruckende Felsberge stehen hier im Gesäuse: Der Große Ödstein, der Reichenstein, das Totenköpfl, das Hochtor.

Der Kalbling, auf den wir fast auch aufgestiegen wären, wenn das Wetter besser gewesen wäre. Der Wasserfallweg, über den wir ursprünglich ins Gesäuse aufsteigen wollten. Wir lesen von abgestürzten Bergsteigern, von Lawinen, Blitzschlag und Steinschlag. Auf manchen Gräbern stehen geschmiedete Kreuze, die meisten haben einen Grabstein aus Fels bekommen, mit einer großen Gedenkplatte.

Manche Grabsteine tragen Fotos, die in schwarzweiß oder koloriert junge Burschen zeigen. Adolf Eichberger, der 1950 mit 18 Jahren am Totenköpfl abgestürzt ist. Auf dem Foto sieht man ihn als Jungen, der in kurzer Lederhose mit Hosenträgern am Fels steht.

Abgestürzt am Totenköpfl

Abgestürzt am Totenköpfl

„Hier ruhen zwei Freunde“ steht auf einem Grabstein. Karl Winter und Karl Schwarz sind am 21. Oktober 1921 am kleinen Puchstein im Alter von 18 Jahren abgestürzt. Auf dem Bild auf dem Grabstein sieht man ebenfalls zwei ganz junge Burschen, wieder in kurzen Hosen mit Hosenträgern, weißen Hemden, in der Hand halten sie Wanderstöcke. Es könnte ein Foto aus einem Heimatfilm der fünfziger Jahre sein.

Zwei Freunde, gemeinsam abgestürzt am Puchstein

Zwei Freunde, gemeinsam abgestürzt am Puchstein

Einige Grabsteine stammen aus den Jahren des zweiten Weltkriegs, von 1942 und 1943. Besser hier am Berg abgestürzt, als im Schützengraben umgekommen, denke ich mir. Aber vielleicht hätten sie den Krieg ja auch überlebt? Als ich an diesen Gräbern stehe, sind die Bilder, die ich in Gedanken vor mir habe, auch schwarzweiß oder in bräunlichen Sepiafarben. Vielleicht wegen der Fotos auf den Grabsteinen? Dabei haben diese Bergsteiger die Berge auch nicht anders gesehen als wir heute: Sattgrüne Wälder und Wiesen, grüne und graue Berge, der blaue Himmel.

An der Steinmauer, hinten am Friedhof, sind Plaketten und Tafeln aus Metall und Marmor angebracht. Manche so alt, dass man sie kaum entziffern kann, die neueren sind von 2003, 2007 oder 2008. Auch hier wird an Bergsteiger gedacht, die im Gesäuse abgestürzt sind, aber auch an solche, die am nahen Dachstein oder in den hohen Girgen der Welt, im Himalaya oder in den Anden gestorben sind.

Gedenktafeln an der Friedhofsmauer

Gedenktafeln an der Friedhofsmauer

Am Eingang zum Friedhof sind in einer Liste die Bergtoten des Gesäuse aufgeführt. Die letzten Einträge sind gerade drei Jahre alt. Auch hier lesen wir wieder vom Wasserfallweg und den bekannten Bergen, die wir auf den Grabsteinen gelesen haben und an denen wir in den vergangenen Tagen vorübergewandert sind.

Vier Gedenktafeln an der Mauer

Vier Gedenktafeln an der Mauer

In der Kirche kann man das kleines Büchlein „Der Bergsteigerfriedhof in Johnsbach“ von Josef Hasitschka kaufen. Hier wird die Geschichte des Friedhofs noch einmal detailliert erzählt und alle Gräber beschrieben, die der zu Tode gekommenen Bergsteiger, aber auch die der Bergretter aus dem Dorf. Hier auf dem Friedhof liegen sie gemeinsam. Unter ihnen ist auch der Maler Gustav Jahn, der 1919 an der Ödsteinkante abstürzte. Er ist wohl der bekannteste der Toten, die auf dem Johnsbacher Friedhof begraben sind.

Heute steht der Bergsteigerfriedhof in Johnsbach als Kulturerbe unter Denkmalschutz. Wenn Ihr im Gesäuse seid, kann ich Euch einen Besuch sehr empfehlen. Es ist ein besonderer Ort für alle, die gerne in den Bergen sind. Besonders, wenn man gerade in dem Gebiet gewandert ist oder Bergsteigen war.

Links:
Website zu Gustav Jahn
Josef Hasitschka: „Der Bergsteigerfriedhof in Johnsbach“ auf austria-forum.org
PDF Johnsbach im Gesäuse auf bergsteigerdoerfer.at

Buchtipps und Wanderkarte:

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Uli, hab herzlichen Dank uns auf deinen Blogartikel hinzuweisen, der den Bergsteigerfriedhof im Gesäuse vorstellt. Sehr besonders und sehr traurig. Die Bilder des Films in dem der junge Bergsteiger den Aiger oder die Jungfrau? besteigen wollte … in der damaligen „kargen“ Bergsteigerausrüstung – gemeinsam mit seinem Freund – und beide haben es nicht geschafft. Dieser Film und die beiden Schicksale hatten mich sehr berührt. Da es so aussah, als könnte man den einen doch noch vorm Erfrieren retten.

    Ich finde Deinen Spaziergang wirklich sehr besonders und wir sollten ihn mit unserer Blogaktion gegenseitig verlinken. Ich werde das am Wochenende tun.
    Man kann deinen Artikel leider nicht rebloggen … mal sehen ob ich es noch prominent vorstelle.

    Herzliche Grüße, zur Zeit aus Frankfurt
    Petra

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